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>>Von Dada zu Fluxus<<
“psst pp Piano – Hommage á Mary Bauermeister”, ein Animationsfilm von Gregor Zootzky, gefördert vom LVR-Rheinland und der Filmstiftung NRW. Länge: 10:48 Minuten. Musik von Simon Stockhausen
Im September 2009 wurde die Kölner Künstlerin Mary Bauermeister 75 Jahre alt. Grund genug für den Filmemacher Gregor Zootzky, über die Rolle nachzudenken, die Mary Bauermeister für das Erstarken einer künstlerisch-musikalischen Avantgarde unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg in Köln spielte.
Mary Bauermeister kam nach kurzen Studienaufhalten in Ulm und Saarbrücken Ende 1959 nach Köln zurück und mietete das Dachgeschoß in einem sehr eleganten Neubau in der Lintgasse 28. Dort veranstaltete sie 1960 und 1961 Ausstellungen und Konzerte. Legendär wurde Bauermeisters Contre Festival, das sie parallel zum ‘Weltmusikfest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik’ (IGNM), das 1960 in Köln stattfand, veranstaltete. Sie nahm die jungen Komponisten auf, die vom offiziellen Festival abgelehnt wurden und legte ihre Konzerte in den späten Abend, so dass alle Musikinteressierten nach den IGNM-Konzerten in das Atelier Lintgasse kommen konnten, um dort die internationalen Speerspitzen der Neuen Musik zu hören. So kam es, dass sich Gäste wie John Cage, Nam June Paik, David Tudor, Sylvano Bussotti, Cornelius Cardew, Karlheinz Stockhausen und viele andere in Bauermeisters Atelier einfanden.
Im Zentrum des Films steht ein Abend, der sowohl in die Musik- als auch in die Kunstgeschichte als einer der größten “Vatermorde” eingegangen ist: Der Koreanische Musiker und späterer Performance- und Videokünstler Nam June Paik shampooniert seinem großen Vorbild John Cage die Haare und schneidet ihm die Krawatte ab. Diese Attacke auf Cage, die völlig unvorhergesehen kam und Cage zutiefst erschütterte, war für Paik ein wichtiges Ritual. Paik, der eine klassische Musikausbildung genossen hatte und sich als Komponist verstand, beschloss zu dieser Zeit, seine Karriere als Komponist zu beenden, da er den Eindruck hatte, niemals an seine großen Vorbilder Cage und Stockhausen herankommen zu können. Der Schnitt durch die Krawatte von Cage bedeutete für ihn sozusagen einen Einschnitt in sein eigenes Leben, seine Laufbahn als Künstler. All seine Enttäuschung und Wut über das eigene ‘Versagen’ kam in dieser Aktion zum Ausdruck.
Die im Film gezeigte Performance von Paik spiegelt aber noch einen zweiten wichtigen Aspekt des Films: die Radikaliät der Avantgarde als Reaktion auf die Erlebnisse der Kriegs- und Nachkriegszeit. Paik spielte zunächst Chopin, um die Zuhörer in Musik einzuhüllen, die sie kannten und die ihnen Sicherheit gab. Plötzlich sprang er auf, stürzte das Klavier um und begann, das Publikum mit gespielten Maschinengewehrsalven zu attackieren. Auf diese Weise kritisierte er das hartnäckige Schweigen der Deutschen über die Gewalttaten des zweiten Weltkriegs. In diesen Zusammenhang gehört auch der Auftritt des Schriftstellers Hans G Helms, der im Atelier sein Buch Fa:m’ Ahniesgwow, dessen Idiom aus 28 verschiedenen Sprachen kompiliert wurde, vorstellte. Neben einer ungefähr zu erkennenden Liebesgeschichte thematisiert das Buch vor allem die Gewalt, Zerstörung und Unterdrückung, die Helms als Jude während des Krieges erlebt hatte. Mit seinen Rückgriffen auf Dada Zürich, die Surrealisten und die Nouveau Réalistes zu Beginn des Films, bettet Zootzky das Atelier Bauermeister in den Kontext der klassischen Avantgarden ein. Auch die Dada-Künstler in Zürich begegneten dem gewalttätigen Abschlachten tausender Menschen im ersten Weltkrieg mit beißendem Zynismus. Je brutaler und absurder der Krieg wurde, umso grotesker wurden die Veranstaltungen im Cabaret Voltaire. Es entstanden die ersten Lautgedichte, die Hugo Ball in einem absurden Kostüm dem Publikum entgegen brüllte. Das Bürgertum mit seiner biederen Kunstauffassung und seinem fest gefügten Geschmack wurde ebenso attackiert und bloßgestellt, wie Paik dies in seiner Performance 1960 wieder tat. Die Spiegelung der Gewalt des Krieges in den Aktionen der Künstler ist von Anfang an ein wichtiges Thema des Films.
Kerstin Skrobanek M. A.